Review zu "Harveys neue Augen"

Nach dem Überraschungshit „Edna bricht aus“ aus dem Jahre 2008 dürfen sich Adventurefans jetzt über den Nachfolger „Harveys neue Augen“ freuen, der ebenfalls in „Ednas Welt“ spielt und sich im gleichen Grafik-Stil präsentiert, diesmal sogar in Breitbildformat mit hoher Auflösung. Anders als der Titel vielleicht vermitteln könnte, steht im Mittelpunkt des Geschehens nicht unbedingt des Stoffhase Harvey, sondern die Klosterschülerin Lilli. Trotzdem trifft man im Spiel neben Edna und Harvey auf mehrere bereits bekannte Charaktere, darunter auch Dr. Marcel und Droggelbecher.

Verpackung, Handbuch und Installation

Das Spiel kommt in einem Hochglanz-Karton mit Klappdeckel, der beim Aufklappen eine kurze Vorstellung der Hauptcharaktere zum Vorschein bringt. Im Karton findet sich eine DVD-Box, die neben der Spiel-DVD und dem Handbuch in der Erstauflage noch zwei Zugaben enthält. Zunächst ist da die Soundtrack-CD, die allerdings nur den Titelsong „Nadel und Faden“ und sonst leider keine weitere Musik beinhaltet. Allerdings steht der restliche Soundtrack als kostenloser Download auf der Internetseite zum Spiel zur Verfügung. Weiters findet sich in der DVD-Box eine Codescheibe aus Karton, der sogenannte „Dekodomat“, ein Kopierschutz im Retro-Stil, wie beispielsweise von „Monkey Island“ bekannt. Beim Start des Spieles muss auf der Codescheibe ein vorgegebenes Gesicht eingestellt werden, woraus sich ein bestimmtes Datum ergibt, das vom Spiel abgefragt wird. Diese Eingabe ist allerdings nicht bei jedem Spielstart erforderlich, sondern nur alle 24 Stunden. Obwohl diese Retro-Codescheibe mehr als kleine Zugabe zu verstehen ist, wurde auf einen technischen Kopierschutz verzichtet. Die Installation des Spieles verlief reibungslos und so wurden etwa 1,57GB an Daten auf die Festplatte übertragen. Ausführliche Hinweise zu Installation und zum Spiel selber finden sich übrigens im 14-seitigen Handbuch, das sowohl gedruckt als auch in Form einer PDF-Datei im Spiel enthalten ist. In den Spieloptionen können neben den verschiedenen Lautstärken (Musik, Sound, Sprache) und den Untertiteln noch der Vollbildmodus bzw. der Fenstermodus mit den verschiedenen Auflösungen eingestellt werden. Zudem gibt es eine Option, mit der festgelegt wird, ob sich das Inventar automatisch einblendet oder über einen Klick geöffnet werden muss.

Story und Rätsel

Eröffnet wir das Spiel mit dem etwas speziellen Titelsong „Nadel und Faden“, der von blutenden Kindern und dem Verarzten ihrer Wunden erzählt. Eine durchaus stimmige Einleitung für dieses morbid-makabre Adventure, das entsprechend auch erst ab 12 Jahren (USK) freigegeben ist. Der Spieler schlüpft in die Rolle der Klosterschülerin Lilli, die auf den ersten Blick als völlig unschuldiges Mädchen erscheint und brav alle ihr übertragenen Aufgaben erledigt. Dass sie von der Oberin Ignatz ständig äußerst ungerecht behandelt wird, nimmt sie offenbar einfach so hin. Aufgrund ihrer Angepasstheit wird Lilli von den anderen Schülern laufend schikaniert. Ihre einzige Freundin in der Klosterschule ist Edna, mit der sie all ihre Geheimnisse teilt. Doch als eines Tages der Besuch des berühmten Kinderpsychologen Dr. Marcel angekündigt wird, verschwindet Edna plötzlich und ist wie vom Erdboden verschluckt. Es hatte sich schon so etwas angekündigt, da Edna vor ihrem Verschwinden Lilli noch bat, alle ihre Spuren zu beseitigen. Lilli folgt natürlich umgehend Ednas Wunsch und erledigt alle entsprechenden Aufgaben, bevor sie sich auf die Suche nach Edna begibt. Jedoch lebt Lilli völlig in ihrer eigenen Gedankenwelt und realisiert offenbar nicht, was sie mit ihren Aktionen in ihrer Umwelt anrichtet. Der Ausspruch „Leichen pflastern ihren Weg“ ist hier sicher zutreffend, Lilli verdrängt dies aber immer wieder durch die fröhlichen „Zensurgnome“, die sie alle schlimmen Dinge durch eine „rosa Brille“ sehen lassen. Auf der weiteren Suche nach ihrer Freundin Edna trifft Lilli dann auch auf den Stoffhasen Harvey, der von Dr. Marcel mit Hypnoseaugen versehen wurde und den Kindern verschiedene Verbote suggerieren soll. Lilli muss jedoch lernen, sich mit Hilfe ihres Unterbewusstseins über diese Verbote hinwegzusetzen …

Insgesamt erstreckt sich die interessante und durchaus auch spannende Story über die drei Kapitel „Die Klosterschule“, “Ednas Versteck“ und “Die Anstalt“. Über die Spieldauer von etwa 10-12 Stunden wird dabei hervorragende Unterhaltung geboten, geprägt mitunter auch durch die zahlreichen Rätsel und Aufgaben, die sich optimal in den Spielverlauf einbetten. Es überwiegen Objekt- und Inventarrätsel, die generell im einfachen Bereich liegen. Allerdings mischen sich darunter vereinzelt auch etwas umfangreichere Logikrätsel und Rätselketten, die durchaus etwas anspruchsvoller, trotzdem aber absolut fair sind. Einen ganz besonderen Anreiz beim Rätseldesign bilden die verschiedenen Verbote und die Wechselwirkung zwischen Realität und den Trance-Zuständen von Lilli. Es gibt insgesamt 8 Verbote (z.B. Feuer, spitze Gegenstände, gefährliche Orte, etc.), zu denen Lilli erst nach und nach lernt, sich darüber hinweg zu setzen. Sie kann sich in einer Situation dann wahlweise aber nur über ein Verbot hinwegsetzen (selbst wenn sie das schon für mehrere Verbote gelernt hat). Dadurch muss der Spieler gezielt bestimmen, welches Verbot im Zuge der jeweiligen Aufgabe oder des jeweiligen Dialogs übergangen werden soll. Bei den Trance-Rätseln gelangt Lilli durch Harveys Hypnose in ihr Unterbewusstsein, wo sie auch Aufgaben lösen muss, allerdings wirken diese zum Teil auch in der realen Welt, was die Grundlage für manche Rätsel bildet. Zudem lockern gelegentliche Minispiele, die aber auch jederzeit übersprungen werden können, den Spielverlauf auf. Unmittelbar vor dem Ende des grundlegend linearen Spieles muss der Spieler noch eine wichtige Entscheidung treffen, die sich dann auf den Ausgang der Story auswirkt.

Grafik, Sound und Sprachausgabe

Optisch präsentiert sich das Spiel wieder mit handgezeichneten Hintergründen und Charakteren im unverkennbaren Enda-Stil, der ausgesprochen gut gefällt. Diesmal sind die Grafiken sogar in HD-Qualität (Breitbildformat) verfügbar. Gelegentliche Hintergrundanimationen lockern die umfangreichen und farbenfrohen Locations auf. In den ersten beiden Kapiteln gibt es einige neue Schauplätze zu bewundern und im dritten Kapitel verschlägt es Lilli dann in die Anstalt von Dr. Marcel, die wir bereits aus „Edna bricht aus“ kennen. Die Animation der Charaktere wirkt teilweise zwar etwas detailarm, trotzdem überwiegt der positive Gesamteindruck. In gelegentlichen Zwischensequenzen werden zur Auflockerung teilanimierte Bildfolgen gezeigt. Soundtechnisch bietet das Spiel neben passenden Hintergrundgeräuschen auch einen stimmigen Soundtrack. Besonders der Song „Nadel und Faden“ mit seinem doch sehr speziellen Text bleibt in Erinnerung. Zudem gibt es an einer Location im Spiel wieder den Song „Edna bricht aus“ zu hören. Bezüglich der Sprachausgaben kann eigentlich nur das Attribut „hervorragend“ verwendet werden. Die Sprecher sind durchgehend passend ausgewählt und hatten offenbar wirklich Vergnügen an diesem Projekt, was sich in den teils umfangreichen Dialogen auch eindrucksvoll zeigt. Besonders hervorzuheben ist die Arbeit von Götz Otto, der in der Rolle des Erzählers oder eher Kommentators einfach genial ist.


Gameplay

Als klassisches Point&Click-Adventure bietet das Spiel eine intuitive Maussteuerung, über die Lilli aus der 3rd-Person-Perspektive gesteuert wird. Über die rechte Maustaste können Objekte untersucht werden und über die linke Maustaste werden Aktionen ausgeführt. Die Verfügbarkeit der jeweiligen Funktionen wird über den Mauscursor signalisiert. Das Inventar befindet sich am rechten unteren Bildschirmrand und öffnet sich automatisch, sobald die Maus dorthin bewegt wird. In den Optionen kann man jedoch auch einstellen, dass sich das Inventar durch einen Klick öffnet. Im Spielverlauf zeigt sich am linken unteren Bildschirmrand dann noch ein „Inventar“ mit den verschiedenen Verboten, die Lilli bei Bedarf umgehen kann. Zum Auffinden der Hotspots kann optional die Hotspot-Taste eingesetzt werden. Für Genreeinsteiger bietet das Spiel ein spielbares Tutorial, das alle Elemente der Spielsteuerung ausführlich erklärt. Der aktuelle Spielstand kann frei über ein entsprechendes Menü gespeichert werden, jedoch speichert das Spiel auch automatisch. Ein extrem hilfreiches Feature, weil das Spiel leider zu regelmäßigen Abstürzen neigte (ca. alle 30-40 Minuten). Gelegentlich passierte es auch, dass der Cursor unbrauchbar langsam wurde und dann nur ein Beenden und erneutes Starten des Spiels half. Gut auch, dass die Abfrage der Code-Scheibe nur alle 24 Stunden erfolgt, sonst wäre das in Verbindung mit den Abstürzen eher frustrierend. Insgesamt trübten diese Abstürze natürlich etwas den Spielspaß eines ansonsten wirklich tollen Adventures.


Zusammenfassung

Mit „Harveys neue Augen“ ist Daedalic wieder ein tolles Adventure gelungen, das sich keineswegs hinter „Edna bricht aus“ verstecken muss. Über die drei Kapitel und eine Spieldauer von ca. 10-12 Stunden hinweg bietet das Spiel hervorragende Unterhaltung, die nur durch mehrmalige Abstürze des Spiels etwas getrübt wurde. Grafisch präsentiert sich das Spiel wieder mit handgezeichneten Hintergründen und Charakteren im unverkennbaren Stil, diesmal sogar in HD-Qualität. Neben vielen neuen Locations in den ersten beiden Kapiteln kehrt man im letzten Kapitel wieder in die bereits bekannte Anstalt von Dr. Marcel zurück. Natürlich trifft man im Laufe des Adventures auch auf mehrere bekannte Charaktere, darunter auch Droggelbecher. Die zahlreichen Rätsel betten sich sehr gut in den Spielverlauf ein. Überwiegend trifft man auf eher einfache Objekt- und Inventarrätsel, unter die sich vereinzelt aber auch etwas anspruchsvollere Logikrätsel und Rätselketten mischen. Eine Besonderheit im Rätseldesign bilden die verschiedenen Verbote und deren Umgehung sowie der Wechsel zwischen der Realität und dem Unterbewusstsein. Zudem wird das Spiel vereinzelt durch überspringbare Minispiele aufgelockert. Soundtechnisch bietet das Spiel stimmige Hintergrundgeräusche und einen ansprechenden Soundtrack, mit dem etwas speziellen Titelsong „Nadel und Faden“. Die Sprachausgaben der teils umfangreichen Dialoge sind durchgehend hervorragend. Zusammenfassend ist „Harveys neue Augen“ ein gelungenes und nicht ganz alltägliches Adventure, das man sich nicht entgehen lassen sollte, ganz besonders auch dann, wenn man schon Gefallen am Vorgänger „Edna bricht aus“ fand.

Spiel-Datenblatt / Game-Datasheet

Entwickler/Developer Daedalic Entertainment
Publisher Rondomedia / Game Homepage
Plattform/Platform PC (DVD)
Perspektive/Perspective 3rd-Person
Steuerung/Control Point&Click
Altersfreigabe/Rating USK12
Anmerkungen/Remarks keine


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